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Kapitel 3, Kennen Sie Ihre Risiken


Jedes Gebiet hat sein Risikoprofil

Ein Rotary Club auf Martinique steht nicht denselben Bedrohungen gegenüber wie ein Club in Lyon, Dakar oder Port-au-Prince. Der tropische Wirbelsturm betrifft das Burgund nicht. Das Erdbebenrisiko betrifft die Bretagne nicht. Flusshochwasser betrifft die Sahelzone nicht. Hitzewellen aber betreffen mittlerweile fast jeden.

Dieses Kapitel gibt Ihnen die Werkzeuge, um eine einfache und grundlegende Frage zu beantworten: Welches sind die spezifischen Risiken UNSERES Gebiets, und welche Rotary-Ressourcen müssen wir entsprechend vorbereiten?

Ein Club, der seine Risiken nicht kennt, bereitet einen generischen Plan vor, das heißt einen nutzlosen Plan. Ein Club, der seine Risiken kennt, bereitet den richtigen Plan vor.


Die 19 Katastrophentypen in 6 Familien

Die internationale Referenzklassifikation (EM-DAT/CRED, Universität Löwen) unterscheidet 6 Familien und 19 Katastrophentypen. Rotary hat diesen Rahmen übernommen, um seine Reaktion zu organisieren. Jeder Typ ist kodiert (A1, B2 usw.), um eine schnelle Kommunikation zwischen Clubs, Distrikten und Zonen zu ermöglichen.

Vollständige Übersichtstabelle

Code Typ Familie Eintritt Vorwarnung möglich Erstes Rotary-Werkzeug
A1 Erdbeben Geophysikalisch Plötzlich (Sekunden) Keine DRG + ShelterBox
A2 Tsunami Geophysikalisch Plötzlich bis allmählich Minuten bis Stunden DRG + ShelterBox + WASH-RAG
A3 Vulkanausbruch Geophysikalisch Allmählich (Tage/Wochen) Ja (Observatorien) DRG + ShelterBox
A4 Erdrutsch Geophysikalisch Plötzlich Begrenzt DRG + ESRAG
B1 Hurrikan / Zyklon / Taifun Meteorologisch Allmählich (Tage) Ja (NHC, Wetter) DRG vor dem Aufprall + ShelterBox + DAUSA
B2 Hochwasser Meteorologisch Allmählich (Stunden/Tage) Ja (Vigicrues usw.) DRG + WASH-RAG
B3 Kältewelle Meteorologisch Allmählich (Tage) Ja DRG + Mitgliedernetzwerk
B4 Hitzewelle Meteorologisch Allmählich (Tage) Ja DRG + Mitgliedernetzwerk
B5 Gebäudeeinsturz Meteorologisch* Plötzlich Keine DRG
C1 Dürre Klimatologisch Allmählich (Monate) Ja (Indikatoren) DRG + WASH-RAG + ESRAG
C2 Waldbrände Klimatologisch Plötzlich bis allmählich Teilweise DRG + ShelterBox + ESRAG
D1 HAZMAT-Explosion (Gefahrgut) Technologisch Plötzlich Keine DRG
D2 Nuklearunfall Technologisch Plötzlich Teilweise (INES) DRG
D3 Austritt / Ölpest Technologisch Allmählich Teilweise DRG + ESRAG
D4 Infrastruktureinsturz Technologisch Plötzlich Keine DRG
D5 Massentransportunfall Technologisch Plötzlich Keine DRG
E1 Epidemie / Pandemie Biologisch Allmählich Ja (WHO, Stufen 1-3) DRG + WASH-RAG + PolioPlus
F1 Krieg / Bewaffneter Konflikt Komplex Variabel Variabel DRG + RAGFP
F2 Flüchtlinge / Vertriebene Komplex Allmählich Teilweise DRG + RAGFP + WASH-RAG
F3 Hungersnot Komplex Allmählich (Monate) Ja (IPC-Phasen 1-5) DRG + WASH-RAG + ESRAG

*B5 hier per Konvention eingeordnet, kann je nach Ursache auch unter D4 fallen.

Die drei Eintrittsmodi

Diese Unterscheidung ist für die Vorbereitung Ihres Clubs entscheidend:

Modus Verzögerung Was es für den Club ändert
Plötzlicher Eintritt Sekunden bis Stunden Keine Vorbereitung in letzter Minute möglich. Alles beruht auf dem bereits bestehenden Plan. Die Telefonkette, der Sammelpunkt, die PSA, alles muss im Voraus bereit sein.
Langsamer Eintritt Tage bis Monate Vorbereitungszeit. Der DRG kann vor dem Aufprall eingereicht werden. ShelterBox kann vorgewarnt werden. Mitglieder können eingewiesen werden. Der Vorteil ist beträchtlich, sofern er nicht durch Untätigkeit vergeudet wird.
Komplex Variabel Mehrdimensionale Krise (Konflikt + Dürre + Vertreibung). Humanitärer Zugang schwierig. Absolute Neutralität unerlässlich. Der Club engagiert sich nur in sicheren Räumen.

Identifizieren Sie die Risiken IHRES Gebiets

Schritt 1, Offizielle Quellen konsultieren

Jedes Land führt öffentlich zugängliche Risikokarten. Hier sind die wichtigsten Quellen nach Region:

Geografischer Raum Quelle Was sie bietet
Frankreich Géorisques (georisques.gouv.fr) Kommunale Karten natürlicher und technologischer Risiken. DDRM, PPR.
Frankreich Vigicrues (vigicrues.gouv.fr) Echtzeit-Hochwasserüberwachung
Frankreich Météo-France (vigilance.meteofrance.fr) Wetterwarnungen (Wind, Regen, Hitze, Kälte, Stürme)
Deutschland BBK / Bevölkerungsschutz-Portal (bbk.bund.de) Bundesweite Gefahren- und Risikoinformationen, Warnungen (NINA-App)
Deutschland DWD (dwd.de) Wetterwarnungen (Wind, Regen, Hitze, Kälte, Stürme, Gewitter)
Deutschland Hochwasserportal (hochwasserzentralen.de) Echtzeit-Hochwasserüberwachung der Länder
Europa Copernicus EMS (emergency.copernicus.eu) Satellitenkartierung nach Katastrophen
Karibik National Hurricane Center (nhc.noaa.gov) Zyklonvorhersagen
Global GDACS (gdacs.org) Global Disaster Alert and Coordination System
Global EM-DAT (emdat.be) Historische Katastrophendatenbank
Global UNDRR PreventionWeb (preventionweb.net) Länderrisikoprofile
Seismisch global USGS (earthquake.usgs.gov) Seismische Echtzeitdaten

Konkrete Maßnahme: Ihr Katastrophenkoordinator muss Géorisques (oder das nationale Äquivalent, in Deutschland das BBK-Bevölkerungsschutz-Portal und das Hochwasserportal) für Ihre Gemeinde konsultieren und die Liste der offiziell identifizierten Risiken erstellen. Erforderliche Zeit: 30 Minuten.

Schritt 2, Das lokale Gedächtnis befragen

Offizielle Datenbanken erfassen nicht alles. Das lokale Gedächtnis ist eine kostbare Ressource. Fragen Sie:

  • Älteste Clubmitglieder: Welche Katastrophen haben die Gemeinde in den letzten 50 Jahren geprägt?
  • Lokale Mandatsträger: Welche Risiken stehen im kommunalen Schutzplan?
  • Feuerwehr: Welche wiederkehrenden Einsätze (Hochwasser in einem bestimmten Viertel, Erdrutsche an einem bestimmten Hang)?
  • Versicherer: Welche Schäden werden in der Gegend regelmäßig reguliert?
  • Lokale Presse: Archive vergangener Ereignisse

Schritt 3, Mit Klimatrends abgleichen

Der Klimawandel verändert das Risikoprofil jedes Gebiets. Ereignisse, die einst außergewöhnlich waren, werden wiederkehrend. Neue Risiken entstehen.

Globale Trends, die in Ihre Analyse einzubeziehen sind:

Trend Folge Am stärksten gefährdete Gebiete
Steigende Durchschnittstemperaturen Häufigere und intensivere Hitzewellen Städtische Gebiete (Wärmeinseleffekt), ältere Bevölkerung
Intensivierung der Niederschläge Schwerere Überschwemmungen, Sturzfluten Täler, versiegelte Flächen, Küste
Anstieg des Meeresspiegels Küstenüberflutung, Erosion, Versalzung des Grundwassers Tief liegende Küstenzonen, Inseln, Deltas
Anhaltende Dürren Wasserstress, Waldbrände, Ernährungsunsicherheit Mittelmeerraum, Sahelzone, Karibik
Intensivere Zyklone Höhere Kategorien häufiger Karibik, Pazifik, Südostasien

ESRAG (Environmental Sustainability RAG) ist die Rotary-Ressource für diese Dimension. Ihre Expertise kann Ihrem Club helfen, die Klimaperspektive in seine Risikoanalyse einzubeziehen.


Die Eintrittswahrscheinlichkeit-×-Auswirkung-Matrix

Sobald Ihre Risiken identifiziert sind, müssen sie priorisiert werden. Nicht alle Risiken verdienen denselben Vorbereitungsgrad. Die Eintrittswahrscheinlichkeit-×-Auswirkung-Matrix ist das Standardwerkzeug.

Wie sie auszufüllen ist

Eintrittswahrscheinlichkeit: Schätzen Sie die Häufigkeit über die nächsten 20 Jahre.

Punktzahl Wahrscheinlichkeit Kriterium
1 Sehr gering Weniger als 1 Chance zu 100 in den nächsten 20 Jahren
2 Gering 1 bis 10 % Wahrscheinlichkeit in den nächsten 20 Jahren
3 Mittel 10 bis 50 % Wahrscheinlichkeit, oder bereits vor 20-50 Jahren eingetreten
4 Hoch Mehr als 50 % Wahrscheinlichkeit, oder tritt alle 10-20 Jahre auf
5 Sehr hoch Nahezu sicher, oder tritt alle 1-5 Jahre auf

Auswirkung: Schätzen Sie die Folgen, falls das Ereignis eintritt.

Punktzahl Auswirkung Kriterium
1 Gering Einige Wohnungen betroffen. Keine Opfer. Rückkehr zur Normalität < 1 Woche.
2 Mäßig Dutzende Wohnungen. Einige Verletzte. Störungen 1-4 Wochen.
3 Schwer Hunderte Betroffene. Schwere Verletzungen möglich. Störungen 1-3 Monate.
4 Sehr schwer Tausende Betroffene. Opfer wahrscheinlich. Infrastruktur beschädigt. Störungen 3-12 Monate.
5 Katastrophal Massive Zerstörung. Mehrere Todesopfer. Infrastruktur zerstört. Mehrjähriger Wiederaufbau.

Risikomatrix

Multiplizieren Sie die Punktzahlen. Das Ergebnis bestimmt Ihre Vorbereitungspriorität.

                      AUSWIRKUNG
                 1     2     3     4     5
            ┌─────┬─────┬─────┬─────┬─────┐
         5  │  5  │ 10  │ 15  │ 20  │ 25  │
            ├─────┼─────┼─────┼─────┼─────┤
W   4       │  4  │  8  │ 12  │ 16  │ 20  │
A           ├─────┼─────┼─────┼─────┼─────┤
H   3       │  3  │  6  │  9  │ 12  │ 15  │
R           ├─────┼─────┼─────┼─────┼─────┤
S   2       │  2  │  4  │  6  │  8  │ 10  │
            ├─────┼─────┼─────┼─────┼─────┤
         1  │  1  │  2  │  3  │  4  │  5  │
            └─────┴─────┴─────┴─────┴─────┘

Punktzahl 1-4   : GERING    → Beobachtung. Generischer Plan ausreichend.
Punktzahl 5-9   : MÄSSIG    → Grundvorbereitung. Eigene Checkliste.
Punktzahl 10-15 : HOCH      → Spezifischer Plan. Jährliche Übung. Dediziertes Material.
Punktzahl 16-25 : KRITISCH  → Detaillierter Plan. Halbjährliche Übungen. Aktive Partnerschaften. Eigenes Budget.

Club-Risikobewertungsbogen

Füllen Sie diesen Bogen in einer Sitzung des Katastrophenausschusses aus. Erforderliche Zeit: 1 bis 2 Stunden mit den richtigen Personen im Raum (ein Mitglied, das das Gebiet kennt, eines, das die offiziellen Quellen kennt).

RISIKOBEWERTUNG — Club von ________________________
Datum: ___/___/______
Ausgefüllt von: _________________________________________

ABGEDECKTES GEBIET: ______________________________________
Gemeinde(n): _____________________________________
Geschätzte Bevölkerung: __________________________________

IDENTIFIZIERTE RISIKEN:
# Typ (Code) Wahrscheinlichkeit (1-5) Auswirkung (1-5) Punktzahl Priorität
1 ____ ___ ___ ___ __
2 ____ ___ ___ ___ __
3 ____ ___ ___ ___ __
4 ____ ___ ___ ___ __
5 ____ ___ ___ ___ __
6 ____ ___ ___ ___ __
7 ____ ___ ___ ___ __
8 ____ ___ ___ ___ __
PRIORITÄTSRISIKEN (Punktzahl ≥ 10):

Risiko Nr. 1: _________________________________________________
  Letztes Auftreten: _________________________________________
  Am stärksten gefährdete Zonen: ______________________________________
  Geschätzte gefährdete Bevölkerung: _________________________
  Vorzubereitende Rotary-Werkzeuge: _________________________________

Risiko Nr. 2: _________________________________________________
  Letztes Auftreten: _________________________________________
  Am stärksten gefährdete Zonen: ______________________________________
  Geschätzte gefährdete Bevölkerung: _________________________
  Vorzubereitende Rotary-Werkzeuge: _________________________________

Risiko Nr. 3: _________________________________________________
  Letztes Auftreten: _________________________________________
  Am stärksten gefährdete Zonen: ______________________________________
  Geschätzte gefährdete Bevölkerung: _________________________
  Vorzubereitende Rotary-Werkzeuge: _________________________________

Unterschriften: Präsident _____________ Katastrophenkoordinator _____________

Beispielhafte Risikoprofile nach Gebietstyp

Zur Veranschaulichung des Ansatzes hier fünf typische Profile. Ihr Club ähnelt wahrscheinlich einem davon.

Karibischer Küstenclub (z. B. Martinique, Guadeloupe, Jamaika)

Risiko Wahrscheinlichkeit Auswirkung Punktzahl Priorität
Hurrikan/Zyklon (B1) 5 5 25 KRITISCH
Erdbeben (A1) 3 4 12 HOCH
Tsunami (A2) 2 5 10 HOCH
Hochwasser (B2) 4 3 12 HOCH
Vulkanausbruch (A3) 2 4 8 MÄSSIG
Hitzewelle (B4) 4 2 8 MÄSSIG

Städtischer europäischer Club (z. B. Lyon, Toulouse, Brüssel)

Risiko Wahrscheinlichkeit Auswirkung Punktzahl Priorität
Hitzewelle (B4) 5 3 15 HOCH
Hochwasser (B2) 3 3 9 MÄSSIG
Stromausfall (D3) 2 3 6 MÄSSIG
Epidemie (E1) 2 3 6 MÄSSIG
HAZMAT-Explosion (D1) 1 4 4 GERING
Terroranschlag (außerhalb der EM-DAT-Codes, als komplexe Krise behandeln) 1 4 4 GERING

Deutscher/DACH-Club (z. B. Rheinland, Bayern, Tirol)

Risiko Wahrscheinlichkeit Auswirkung Punktzahl Priorität
Hochwasser (B2) — Ahrtal-Hochwasser 2021 4 5 20 KRITISCH
Hitzewelle (B4) — Hitzewellen 2018/2022 5 3 15 HOCH
Wintersturm (B1) 4 3 12 HOCH
Stromausfall (D3) 2 4 8 MÄSSIG
Epidemie (E1) 2 3 6 MÄSSIG
HAZMAT-Explosion (D1) 1 4 4 GERING

Pazifischer Inselclub (z. B. Vanuatu, Fidschi)

Risiko Wahrscheinlichkeit Auswirkung Punktzahl Priorität
Zyklon (B1) 5 5 25 KRITISCH
Erdbeben (A1) 4 4 16 KRITISCH
Tsunami (A2) 3 5 15 HOCH
Hochwasser (B2) 4 3 12 HOCH
Vulkanausbruch (A3) 3 4 12 HOCH
Meeresspiegelanstieg 5 3 15 HOCH

Ihr Gebiet kartieren

Die Risikobewertung allein genügt nicht. Sie müssen wissen, wo die Auswirkungen am schwersten sein werden. Ein Erdbeben trifft eine Stadt nicht gleichmäßig. Ein Hochwasser betrifft tief liegende Gebiete. Ein Zyklon verwüstet die dem Wind ausgesetzte Küste.

Die vier zu kartierenden Ebenen

Ebene 1, Risikozonen

Markieren Sie auf einer Karte Ihrer Gemeinde die Zonen, die jedem identifizierten Risiko ausgesetzt sind:

  • Hochwasserzonen (PPRi in Frankreich, Überschwemmungsgebiete in Deutschland, Äquivalente anderswo)
  • Küstenzone (Sturmflut, Tsunami)
  • Instabile Hänge (Erdrutsch)
  • Nähe zu SEVESO- oder klassifizierten Industrieanlagen
  • Wald-Siedlungs-Übergangszonen (Waldbrände)
  • Bekannte seismische Verwerfungen

Ebene 2, Kritische Infrastruktur

Identifizieren und lokalisieren Sie die Infrastrukturen, deren Zerstörung oder Ausfall die Krise verschärft:

Infrastruktur Warum sie kritisch ist Zu erhebende Informationen
Krankenhaus / Klinik Versorgung der Verletzten. Fällt es aus, wird alles kompliziert. Adresse, Kapazität, Notstromaggregat?
Trinkwasserwerk Wasserversorgung. Kontamination = Epidemie. Standort, Verteilnetz
Kraftwerk / Umspannwerk Stromversorgung. Stromausfall = Kaskade. Standort, Netz
Brücken und Hauptstraßen Zugang. Versagen Brücken, sind Viertel abgeschnitten. Abschneidepunkte identifizieren
Schulen / Turnhallen Potenzielle Notunterkunftszentren. Unterbringungskapazität, Küche, Sanitäranlagen
Feuerwache Notfallreaktion. Reaktionszeit nach Viertel
Rathaus / Präfektur Offizielles Koordinationszentrum. Krisenraum identifiziert?
Tankstellen Kraftstoff für Generatoren und Fahrzeuge. Standort, Lagerkapazität

Ebene 3, Gefährdete Bevölkerungsgruppen

Nicht alle sind angesichts einer Katastrophe gleich. Identifizieren Sie Konzentrationen gefährdeter Bevölkerungsgruppen:

Bevölkerungsgruppe Spezifische Verwundbarkeit Informationsquelle
Isolierte Ältere Eingeschränkte Mobilität, medizinische Abhängigkeit, Isolation Sozialdienste, Seniorenvereine
Menschen mit Behinderung Schwierige Evakuierung, Stromabhängigkeit (medizinische Geräte) Behindertenstellen, Fachverbände
Kleinkinder (< 5) Schnelle Dehydrierung, Mangelernährung, Anfälligkeit für Epidemien Kitas, Mutter-Kind-Gesundheit, Vorschulen
Obdachlose Direkte Exposition, kein Rückzugsort Obdachlosenhilfe, karitative Vereine
Touristen / Durchreisende Kennen das Gebiet nicht, Sprachbarriere Tourismusbüros, Hotels
Nicht-Muttersprachler Missverständnis von Warnungen und Anweisungen Migrantenvereine, Religionsgemeinschaften
Menschen in prekärem Wohnraum Wohnungen, die Gefahren nicht standhalten Stadtplanungsämter, Vereine

Ebene 4, Verfügbare Ressourcen

Kartieren Sie auch die Ressourcen, also das, was auf Ihrem Gebiet zur Reaktion verfügbar ist:

Ressource Typ Zu identifizieren
Lagerhäuser / Lagerflächen Logistik Standort, Eigentümer, Zugänglichkeit
Supermärkte / Großhändler Versorgung Kontakt der Leitung, Möglichkeit einer Vereinbarung
Freiflächen / Große Parkplätze Verteilpunkte, improvisierter Hubschrauberlandeplatz Standort, Fläche
Bauunternehmen Schweres Gerät, Trümmerbeseitigung Kontakt, Verfügbarkeit
Apotheken Medizinische Versorgung Standort, Notdienstzeiten
Rotary-Mitglieder mit Schlüsselkompetenzen Personelle Ressource Ärzte, Pflegekräfte, Bauingenieure, Logistiker
Rotary-Mitglieder mit Ausrüstung Materielle Ressource Generatoren, Kettensägen, Geländewagen, Transporter

Kartierungshilfe

Kein anspruchsvolles GIS nötig. Eine in A3 gedruckte Gemeindekarte mit farbigen Überlagerungen (eine pro Ebene) genügt. Alternativ ermöglicht Google My Maps, kollaborative Karten kostenlos zu erstellen, abrufbar auf dem Telefon.

Das Wesentliche ist, dass diese Karte existiert, dass sie jährlich aktualisiert wird und dass der Katastrophenkoordinator und der Clubpräsident Zugang dazu haben, auch offline.


Klimawandel: Risiken, die sich verändern

Was vor 20 Jahren ein geringes Risiko war, kann heute ein hohes Risiko sein. Der Klimawandel ist für einen Katastrophenausschuss kein abstraktes Thema, sondern ein konkreter Parameter, der die Risikomatrix verändert.

Was sich konkret ändert

Hitzewellen: In Europa war die Hitzewelle von 2003 ein Jahrtausendereignis (Wahrscheinlichkeit damals ~1/500 Jahre). Vergleichbare Episoden traten 2015, 2019, 2022, 2023 auf, beobachtete Häufigkeit: alle 3-5 Jahre. In Deutschland gehören die Hitzewellen von 2018 und 2022 zu den wärmsten je gemessenen Sommern. Für einen europäischen Stadtclub steigt die Hitzewelle vom „geringen Risiko" (Punktzahl 6-8) zum „hohen Risiko" (Punktzahl 12-16) in zwanzig Jahren.

Hurrikane: Der Anteil der Zyklone, die im Nordatlantik die Kategorie 4-5 erreichen, ist von etwa 20 % (1980er Jahre) auf ~35 % (2020er Jahre) laut NOAA-Daten gestiegen. Für Clubs in der Karibik und im Golf von Mexiko steigt die Risikoobergrenze um eine Stufe, das Szenario „Kategorie 4-5" wird zur Planungsgrundlage, nicht zum schlimmsten Fall.

Hochwasser: Die städtische Versiegelung in Kombination mit intensiveren Niederschlägen vervielfacht das Sturzflutrisiko um das 2- bis 4-Fache in Zonen, die historisch nicht als Hochwasserzonen klassifiziert waren. Das Ahrtal-Hochwasser von 2021 (über 180 Tote in Deutschland) hat gezeigt, wie verheerend Sturzfluten in zuvor als sicher geltenden Tälern sein können. Prüfen Sie den PPRI (Frankreich), die Überschwemmungsgebiete (Deutschland) oder Äquivalente: Einige wurden seit 2020 überarbeitet.

Dürren: Das Mittelmeerbecken erwärmt sich 20 % schneller als der globale Durchschnitt (IPCC). Clubs in Südfrankreich, Griechenland, der Türkei, dem Maghreb erleben, wie sich die Dürre von einem saisonalen zu einem strukturellen Risiko verschiebt.

Waldbrände: Ausdehnung nach Norden (Brände in Skandinavien, Kanada, Sibirien). Clubs bis zu 55° Breite müssen dieses Risiko nun in ihre Matrix aufnehmen.

ESRAG als Ressource

ESRAG (Environmental Sustainability Rotary Action Group) ist der formelle DNA-RAG-Partner für diese Dimension. Sie können Ihrem Club helfen:

  • Die Entwicklung der Klimarisiken in Ihrem Gebiet zu bewerten
  • Die „Build Back Better"-Dimension in Wiederaufbauprojekte zu integrieren
  • Auf Daten und Studien zur Klimaresilienz zuzugreifen
  • Global Grants mit Umweltkomponente aufzubauen

Kontakt: esrag.org

Praktische Empfehlung

Stellen Sie bei Ihrer jährlichen Risikobewertung systematisch die Frage: „Hat sich dieses Risiko im Vergleich zum letzten Jahr erhöht?" Lautet die Antwort für ein oder mehrere Risiken ja, passen Sie die Wahrscheinlichkeitspunktzahlen entsprechend an. Die Matrix ist nicht eingefroren, sie muss die aktuelle Realität widerspiegeln, nicht die von vor zehn Jahren.


Prioritäre Maßnahmen aus diesem Kapitel

Bevor Sie zu Kapitel 4 übergehen, stellen Sie sicher, dass Ihr Club Folgendes getan hat:

  • Die offizielle Risikokartierung seiner Gemeinde konsultiert
  • Das lokale Gedächtnis befragt (Älteste, Mandatsträger, Feuerwehr)
  • Die Eintrittswahrscheinlichkeit-×-Auswirkung-Matrix für alle identifizierten Risiken ausgefüllt
  • Die 2-3 Prioritätsrisiken identifiziert (Punktzahl ≥ 10)
  • Die Risikozonen, kritische Infrastruktur, gefährdete Bevölkerungsgruppen und verfügbare Ressourcen kartiert
  • Die Klimawandeldimension in die Analyse einbezogen
  • Diese Dokumente zugänglich für den Katastrophenkoordinator, den Präsidenten und mindestens zwei weitere Mitglieder gespeichert

Falls Ihr Gebiet Risiken mit einer Punktzahl ≥ 16 (kritisch) ausgesetzt ist, rechtfertigt allein dieses Kapitel die Einrichtung eines ständigen Katastrophenausschusses und eines dedizierten Vorbereitungsbudgets. Bringen Sie das Thema bei Ihrer nächsten Vorstandssitzung zur Sprache.